Fußball-WM in Katar: So fiel der Sport dem Geld zum Opfer

Einer, der für diesen alten, bodenständigen Fußball stand, war der im WM-Jahr verstorbene Spieler und Funktionär Uwe Seeler, der von den Fans „uns die Ihrigen“ genannt wurde. Er galt als „Inbegriff von Bodenständigkeit, Bescheidenheit, Ehrlichkeit und Loyalität“, wie das Nachrichtenportal tagesschau.de in einem Nachruf schrieb. 1961 lehnten die Hamburger Fußballer ein Millionenangebot von Inter Mailand „für Haus und Familie“ ab. Eine ähnliche Ikone für die Fans im Osten war der hundertfache DDR-Nationalspieler Hans-Jürgen „Dixie“ Dörner, der seine Karriere bei Dinamo Dresden spielte – er starb ebenfalls wenige Monate vor der WM.

Fans finanzieren Fußballmillionäre

Seit Anfang der 1990er Jahre ist die alte Welt des Fußballs allmählich verschwunden. Neue Fußballgrößen wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi repräsentieren eine ganz andere Sportart, sagt Sportjournalist Christoph Biermann. In dieser Welt sind die Fans nur Konsumenten, die die Fußballmillionäre mit teuren Fanartikeln und Pay-TV-Abonnements finanzieren. Fußballvereine und Spieler sind zu Handelswaren geworden.

Für viele Fans ist der moderne Fußball ausgesprochen negativ besetzt, für nicht wenige ist er sogar ein Kampfbegriff. Es ist ein Fußball, in dem die Wirtschaft wichtiger ist als die Werte des Sports und die Stimmung vieler Fans.


Christoph Biermann
Fußballjournalist und Autor

In seinem Buch „Um keinen Preis – Die wahre Geschichte des modernen Fußballs“ beschreibt Bierman, wie der einst unter Arbeitern beliebte Ballsport zum Luxusartikel mutierte. Er berichtet von Fußballklubs „in den Händen von Oligarchen, Scheichs und Hedgefonds“, von einer „Kostenexplosion bei Pay-TV-Sendern“ und „Fantasie-Ablösesummen und -Gehältern für Superstars“. Der Sport ahmt dieselben Trends nach, die unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten geprägt haben – Globalisierung und Neoliberalismus –, denn Fußball sei „immer auch ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen“, sagt Biermann MDR GESCHICHTE.

Ganz neu sei die Kommerzialisierung im Sport aber nicht – der erste, noch bescheidene Anfang der Entwicklung sei in den 1920er Jahren gewesen, in Form von Zigarettenkarten mit Fußballstars und Wiener Schlagern über Fußballspieler, sagt Biermann. Heute erinnern sich die Fans „mit warmen Gefühlen“ an den TV-Spot, in dem Franz Beckenbauer „begeistert Knorr-Suppe auf den Teller schaufelte“ und die „Erdgas“-Retro-Trikots von Borussia Mönchengladbach, die das Team zum Vorreiter in der Bundesliga für Trikot-Sponsoring machten.

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Goldenes Zeitalter des Fußballs?

Die entscheidende Wende in Richtung Kommerzialisierung kam laut Berman erst 1992, als „die Ära des modernen Fußballs begann“. Die einen sehen diese neue Ära mit der Gründung der Champions League und der englischen Premier League als das „goldene Zeitalter des modernen Fußballs“, die anderen mit „großer Unruhe und Entfremdung“. Von Schuld will Birman nicht sprechen. „Es gibt auch positive Entwicklungen“, sagt der MDR-HISTORIE-Autor. Teure Nachwuchsarbeit hat das Niveau der Spieler so gut gemacht wie nie zuvor: „In neuen Stadien spielen Supermannschaften mit Superspielern unter der Anleitung von visionären Supertrainern für ein weltweit wachsendes Publikum“, resümiert Biermann. Auf der anderen Seite werde der sportliche Erfolg von “wenigen Vereinen wie nie zuvor in der Fußballgeschichte” monopolisiert.

Bevor der Fußball in dieses “goldene Zeitalter” rollte, wie Biermann schreibt, steckte er “vor 1992 in einer tiefen Krise”. „Die Ränge in den kranken Stadien waren halbleer und überall herrschte Gewalt. Modernisierungsbedarf also.“ Gleichzeitig entstanden neue private Fernsehsender und neue Verbreitungswege über Kabel und Satellit. Das brachte neue „Player“, die sich für die Inhalte interessierten. Weil der Fußball trotz seiner Probleme ein großes Publikum anzog, wurde er plötzlich etwas wert. „Geld kam ins Spiel, was es wiederum attraktiver machte“, fasst Bierman die Entwicklung zusammen.

Fußballreform mit dem Pudding-Millionär Oetker

Maßgeblich beteiligt an der Reform waren zwei Deutsche: Betriebswirt und Adidas-Manager Klaus Hempel und Werbeprofi Jürgen Lenz. Sie gewannen einen UEFA-Ideenwettbewerb mit dem Ziel, den Europapokal zu reformieren, Frauen als neue Zielgruppe zu gewinnen und neue Sponsoren zu gewinnen. Laut Biermann überzeugten Lenz und Hempel die UEFA 1992 mit einem „hochwertigen Konzept“ für eine neue Liga. Neben einer barocken Erkennungsfanfare wurden Logo und Werbung gestaltet.

Als die UEFA von der Agentur von Lenz und Hempel eine Garantie von 150 Millionen Franken für zwei Spielzeiten verlangte, kam der Pizza- und Kugelkönig Arend Oetker ins Spiel. Diese wurde von seinem ehemaligen Schwiegervater Otto Wolf aus Ameren aktiviert. Mit dem Ex-Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie an seiner Seite habe der Fußball „auf einen Schlag“ die höchsten Kreise erreicht, resümiert Biermann. TV-Sender haben um die Übertragungsrechte an der Champions League gezerrt, der Umsatz hat sich im Vergleich zum alten Europapokal verneunfacht!

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Typisch für die 1990er-Jahre ist, dass der Fußball auf seine existenzielle Krise mit einer massiven Liberalisierung reagierte.


Christoph Biermann
Fußballjournalist und Autor

Bierman sieht darin Parallelen zu anderen Bereichen des Wirtschaftslebens. Fußball, so Biermann, sei immer auch ein Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen. „Historisch gesehen waren Vereine in England immer Fußballunternehmen, aber sie durften keine Gewinne machen. Als die moderne Fußballära begann, wurden sie in normale, handelbare Unternehmen umgewandelt.“ Das habe einerseits eine Geldlawine ausgelöst, andererseits aber auch dem Fußball geschadet, sagt der Sportjournalist.

Oligarchen schmücken sich mit Fußballklubs

Da Fußballklubs jetzt eine Ware wie jede andere waren, zog der Sport stinkreiche Oligarchen an – wie den Russen Roman Abramovich, der in der postsowjetischen Ära Geld verdiente. 2003 habe er den FC Chelsea für 210 Millionen Euro gekauft und “sofort 140 Millionen Pfund für neue Spieler ausgegeben”, berichtet Biermann. Der Lohn waren nicht nur viele Siege, sondern auch der zweimalige Gewinn der Champions League.

Ein weiterer Vordenker, der Italiener Silvio Berlusconi, arbeitete als Sänger auf Kreuzfahrtschiffen, bevor er ein buntes Firmenimperium aufbauen konnte. Dazu gehört auch der Traditionsklub AC Mailand, einer der Stammgäste in der Champions League. 2017, so Biermann, verkaufte Berlusconi den Klub “für eine halbe Milliarde Euro” an ein chinesisches Unternehmen und stieg zum italienischen Ministerpräsidenten auf. Biermann weiß, dass Berlusconi schon früh eine “Superliga” für Spitzenklubs gefordert hat. Mehrere Spitzenklubs aus Spanien und England machten sich 2021 der Idee ans Werk – und lösten damit einen Proteststurm der Fans aus. Nach nur 48 Stunden wurde die Idee wieder beerdigt, einige Beobachter gehen aber davon aus, dass früher oder später eine Super League kommt.

Wohlhabende Anleger – selten im deutschen Fußball

In Deutschland konnte man sich bisher der Dominanz wohlhabender Anleger entziehen. Die sogenannte „50+1“-Regel tut das laut Biermann auf jeden Fall. Sie verweigert Privatpersonen eine Mehrheit an den Gewerkschafts- oder Vereinsanteilen – mit Ausnahme traditioneller Arbeitsgemeinschaften wie denen des Chemieriesen Bayer. Dennoch, wie Biermann schreibt, „konnte der Mitgründer des Softwarekonzerns SAP den Fußballspielbetrieb Gum bei der TSG 1899 Hoffenheim mehrheitlich übernehmen“. Seitdem wird Hopp von gegnerischen Anhängern in Stadien beschimpft.

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Der vom verstorbenen Red-Bull-Unternehmer Dietrich Mateschitz gesponserte Fußballverein RB Leipzig wird bei Auswärtsspielen oft mit Hassbannern begrüßt. Nicht nur, weil Fans das Kürzel RB – offiziell für RasenBallsport Leipzig eV – als getarnte Firmenmarke interpretieren. „Man kann nicht einfach als Fan Mitglied bei RB Leipzig werden und mitreden. Der Verein hat keinen Bezug zur Stadt. Sie haben einen unterklassigen Verein übernommen und sind eine reine Markenmannschaft, die woanders hinziehen kann.“ Erklärt der Inhaber des Dresdner Fußballmuseums, Jens Genschmar, im Interview mit MDR GESCHICHTE die Stimmung unter den Fans. Aber auch ohne Geld geht im deutschen Fußball nicht viel – denn während der Ex-Europapokalfinalist 1. FC Lokomotiv Leipzig in der Saison 2022/2023 in der Regionalliga spielt, spielt Lokalrivale RB Leipzig in der Champions League .

Keine Fußballmillionäre in der DDR…

Fans in Ostdeutschland sehen ihre Mannschaften oft als Verlierer des modernen Fußballs, der etwa zeitgleich mit der Wiedervereinigung entstand. Nur wenige Mannschaften aus der DDR-Oberliga schafften den Aufstieg in die Bundesliga – viele andere landeten in den unteren Ligen und im finanziellen Chaos. Dynamo Dresden erinnert sich auf seiner Website so an die Jahre: „Der zunächst als Retter gefeierte Baumagnat (Rolf-Jürgen Otto, Anm. d. Red.) entpuppt sich bald als ahnungsloser Brandbeschleuniger beim wirtschaftlich angeschlagenen 1. FC . Dynamo Dresden, das den Klub mit seinen dubiosen Geschäften endgültig in den Abgrund treibt.“ Otto wurde später unter anderem wegen Betrugs zu drei Jahren Haft verurteilt, Dinamo Dresden musste Mitte der 1990er-Jahre in die Regionalliga absteigen. Aber stimmt es, wenn Fans des DDR-Fußballs von dem Motto schwärmen: Damals war die Welt noch in Ordnung und ohne Handel?

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