Kinderwunsch: Vor- und Nachteile einer späten Schwangerschaft

„Medizinische Risiken in der Spätschwangerschaft sind zum Beispiel eine höhere Fehlgeburtsrate oder Komplikationen wie Schwangerschaftsdiabetes und Bluthochdruck“, erklärt Wolfgang Henrich. Das Baby hingegen hat ein erhöhtes Risiko, an einer Chromosomenstörung wie Trisomie 13, 18 oder 21 zu erkranken. Allerdings kommen mehr als 96 Prozent der Kinder in Deutschland gesund zur Welt, so der Mediziner. Dank der modernen Medizin sind viele Risiken beherrschbar geworden, Prävention und Vorsorgeuntersuchungen, Pränataldiagnostik sowie Reproduktions- und Geburtshilfe haben sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Auch die oft kritisierte zu hohe Kaiserschnittrate in Deutschland sieht der Berliner Mediziner als Folge des medizinischen Fortschritts – und der zunehmend alternden Mütter. Seine Klinik ist weit über die Hauptstadt hinaus für sogenannte Kaiserschnittgeburten bekannt. Bei dieser speziellen Variante des Kaiserschnitts kann die Mutter ihr Baby während des Eingriffs sehen und wird zum Pressen aufgefordert. Dies simuliert eine natürliche Geburt und gibt Frauen ein Stück Autonomie. Gleich danach bekommen sie das Baby an die Brust – nicht nur ein paar Minuten später geputzt und angezogen. Das stärkt die Bindung zwischen Mutter und Kind. Was wie Details klingen mag, hat einen großen Einfluss auf die Erfahrungen vieler gebärender Frauen.

Auch Lesen :  Mixed-Reality-Headset soll sich deutlich von der günstigeren Konkurrenz abheben

In Deutschland erfolgt fast jede dritte Geburt im Krankenhaus per Kaiserschnitt. In den letzten 30 Jahren hat sich der Anteil dieser chirurgischen Eingriffe nahezu verdoppelt. Ein Grund: Je älter eine Schwangere ist, desto wahrscheinlicher ist ein Kaiserschnitt – aus verschiedenen Gründen. Tatsächlich werden die Frauen in Deutschland immer älter, wenn sie ihr erstes Kind zur Welt bringen, und diese Zahlen sind nicht zu erschüttern. Vor 40 Jahren lag das Durchschnittsalter bei 25,2 Jahren, seitdem ist es stetig gestiegen und liegt heute bei 30,2 Jahren. Geburten über 35 Jahre sind keine Seltenheit mehr. »Ältere Frauen haben eher Übergewicht oder Vorerkrankungen, die die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen oder Kaiserschnitt erhöhen. Wir müssen also aufhören, den Kaiserschnitt als Notlösung abzuwerten – diese Denkweise stammt aus dem letzten Jahrhundert.

Auch Lesen :  Zweiter Wissenschaft-Praxis- Dialog für den Wiederaufbau

Auch Dorothee Struck ist sich der Risiken einer Spätschwangerschaft bewusst, hält sie aber in der Diskussion für übertrieben – vielleicht auch, weil sich mit der Sorge um den »unerfüllten Kinderwunsch« gute Geschäfte machen lassen? Das Einfrieren von Eizellen oder Fruchtbarkeitsbehandlungen sind teuer. “Viele Leute verdienen viel Geld, wenn sie sich Sorgen um frühe Unfruchtbarkeit machen”, sagt er. Ebenso bei diversen Tests zur Bestimmung der Fruchtbarkeit. Sie sollten wissen: „Wissenschaftlich wurde die Fruchtbarkeit noch nicht zuverlässig gemessen“, sagt Dorothee Struck. Zwar wird das in den Eierstöcken produzierte Anti-Müller-Hormon (AHM), das als Marker für die Eizellreserve gilt, immer noch häufig bestimmt. Doch genau wie der Eierstock-Ultraschall gilt der Hormontest mittlerweile als veraltet und wenig relevant. Die Gynäkologin unterstützt daher die Diskussion um die männliche Fruchtbarkeit gleichermaßen, Frauen besser aufzuklären, sie sensibel zu überwachen und die Nachteile einer Spätschwangerschaft nicht zu dramatisieren. “Es gibt auch Vorteile, aber die werden kaum diskutiert.”

Auch Lesen :  Mehr Lichtverschmutzung: Immer weniger Sterne sichtbar | Freie Presse

Vorteile der späten Schwangerschaft

Wer etwas darüber lernen will, wird eher in der Soziologie fündig als in der Medizin. So wertete Kieron Barclay von der Universität Stockholm als Forscher am Max-Planck-Institut für Bevölkerungsforschung in Rostock Daten von mehr als 1,5 Millionen schwedischen Frauen und Männern aus. Das Ergebnis: Kinder älterer Mütter sind im Durchschnitt größer, gesünder und gebildeter. Forscher erklären dies durch die Verbesserung der Gesundheitsversorgung und der sozialen Bedingungen. »Unsere Gesellschaft hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts weiterentwickelt: bessere Bildung, höhere Einkommen, längere Lebenserwartungen, Fortschritte in der Medizin. Je später Kinder geboren werden, desto mehr profitieren sie, sagt Kieran Barclay. Bisherige Studien ignorierten solche Effekte meist, obwohl sie für werdende Mütter von großer Bedeutung sind. Forscher gehen sogar so weit zu sagen, dass positive Externalitäten die biologischen Risiken einer späten Schwangerschaft etwas ausgleichen können. „Ältere Mütter haben auch mehr Lebenserfahrung und oft bessere sozioökonomische Ressourcen, um Kinder großzuziehen“, erklärt Kieron Barclay.

Source

Leave a Reply

Your email address will not be published.

In Verbindung stehende Artikel

Back to top button