Wie ein ukrainischer Spitzenklub vergessen wird: “Einfach nur fürchterlich”

Ab Sonntag richten sich die Augen der Fußballwelt auf Katar. Trotz der Wüsten-WM sollte das Schicksal von Shakhtar Donetsk nicht in Vergessenheit geraten. Besuch im Exil des besten Clubs der Ukraine.

Georgy Sudakov sitzt auf dem Podium des sterilen Presseraums und sieht müde aus. Er greift nach dem vor ihm liegenden Energy-Drink, nimmt einen Schluck und spricht den Satz aus, der alles andere in den Hintergrund rückt: „Ich habe meine Familie, mein neugeborenes Kind seit Monaten nicht mehr gesehen.“

Auch Lesen :  Fußball - Obszöne Geste und Trikot-Aktion: Xhaka sorgt für Aufregung - Sport

Der 20-Jährige macht den Anwesenden plötzlich klar, dass dies nicht nur eine Pressekonferenz vor irgendeinem Champions-League-Spiel ist. Sudakov spricht mit ihnen im Stadion Wojska Polskiego. Denn er und sein Team Schachtjor Donezk haben im Endspiel der hochklassigen Gruppenphase den DFB-Pokalsieger RB Leipzig besiegt. in Warschau. Wie zuvor Celtic Glasgow und Real Madrid. Denn Shakhtar, der Klub der Bergleute im Donbass, ist auf der Flucht. Und das seit Jahren.

Auch Lesen :  Cherson: Russland beschießt aufgegebenes Gebiet
imago Bilder 1017859656
Georgiy Sudakov: Wie seine Teamkollegen hat auch Shakhtars Offensivfähigkeit seit Monaten keine wirkliche Freizeit mehr. (Quelle: IMAGO/Sven Sonntag)

Eine bewaffnete Eskalation des Konflikts zwischen pro-russischen Separatisten und ukrainischen Regierungstruppen hat den 13-fachen ukrainischen Meister zum ersten Mal brutal von seinem Heimatboden gerissen. 2014 musste der Klub seine Stadt, die hochmoderne Spielstätte Donbass Arena, hinter sich lassen. Shakhtar fand Zuflucht im mehr als 1.200 Kilometer entfernten Lemberg. Allerdings verschwanden in der Westukraine selten vierstellige Menschenzahlen aus dem Stadion – die Westukraine ist nicht das Herz von Schachtjor.

So zog der Verein nach nur zwei Spielzeiten nach Charkiw, näher an die Heimat, wo das Herz des ukrainischen Fußballs orange und schwarz schlägt. Doch auch dort hielt es der Klub nicht lange aus: 2020 ging es in die Hauptstadt Kiew, wo man in das umfassende Sviatoshyn-Trainingszentrum und das Olympiastadion umzog. Als am Morgen des 24. Februar 2022 russische Granaten auf Kiew niedergingen, war auch dieser Bunker für Shakhtar Geschichte. Die Besetzung und das Personal entkamen erneut und begannen ein Nomadenleben auf der Suche nach einem neuen Trainingszentrum, um ein Lager aufzubauen. in Kroatien. in Slowenien. in den Niederlanden. Endlich in Polen.

Shakhtar erlebt seit Monaten ein echtes Abenteuer

In den Monaten seit jenem verheerenden Februarmorgen ist viel passiert. Ukrainische Truppen konnten den Vormarsch der russischen Aggressoren stoppen und strategisch wichtige Siege erringen. In den meisten Teilen der Westukraine, sogar in Kiew, ist das tägliche Leben zurückgekehrt. Ein Symbol dieses Erfolgs ist die Wiederaufnahme von Fußballspielen. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat entschieden, dass die höchste Profiliga des Landes, die Premier League, auf dem Territorium der Ukraine ausgetragen wird. Er sagte und es ist vorbei.

Auch wenn die heimische Liga seit dem Machtversprechen der Präsidentschaft im Sommer mit Spielen in Lemberg und sogar Kiew wieder auf dem Vormarsch ist, sind Europapokal-Abende auf ukrainischem Boden noch immer Utopie. Die Sicherheitsbedenken sind groß und für Superstars wie den Weltfußballer Karim Benzema ist die Reise sehr schwierig und zeitaufwändig. Also suchte und fand Shakhtar in Warschau ein neues Zuhause auf Zeit.

Stadion Wojska Polskiego: Spielt hier Donezk-Spiele in Warschau.
Stadion Wojska Polskiego: Hier trägt Donezk in Warschau seine Länderspiele aus. (Quelle: IMAGO/Sven Sonntag)

Shakhtar trägt seine internationalen Duelle in der 30.000 Zuschauer fassenden Spielstätte des lokalen Traditionsvereins Legia aus und trainiert die ganze Woche über im angrenzenden Sportpark. Am Wochenende fahren sie zu Spielen in der ukrainischen Liga nach Lemberg, manchmal sogar zu Auswärtsspielen nach Kiew. Und mit dem Bus. stundenlang. Der für den Passagierverkehr gesperrte ukrainische Luftraum zwingt den Gewinner des UEFA-Pokals 2009 zu einem wahren Abenteuer. Shakhtars Spieler, Trainer und Mitarbeiter werden bis Anfang November mehr als 10.000 Kilometer zwischen ihrem Heimatland und ihrem Warschauer Exil zurückgelegt haben.

“Schrecklich, einfach schrecklich”

“Unsere Reiseleiden sind unglaublich”, sagt Schachtars Cheftrainer Igor Jovicevic im Gespräch mit t-online. „Der ukrainische Luftraum ist geschlossen, was bedeutet, dass wir nicht direkt von Lemberg zu unseren Auswärtsspielen in Europa fliegen können, sondern stattdessen die ukrainisch-polnische Grenze mit dem Bus überqueren und zum ersten Flughafen auf polnischem Boden fahren müssen Pflichtspiel, wir sitzen im Bus und stehen stundenlang am Grenzübergang. Das ist schrecklich, wirklich schrecklich.“

Source

Leave a Reply

Your email address will not be published.

In Verbindung stehende Artikel

Back to top button